Wie die Angst tritt auch die Scham in vielen Verkleidungen auf.
Da ist die elegante junge Frau, karrierebewusst, eloquent und tüchtig,
die keine Freunde hat und eine Tendenz zur Magersucht. Dort der
ältere Mann, seit längerer Zeit arbeitslos, der kaum ausgeht,
zuviel trinkt und an Bluthochdruck leidet. Da sind die Jungs in
den Bomberjacken, die nichts gelernt haben und sich in Horden herumtreiben,
die kriminell, rassistisch und sexistisch sind. Dort die Sozialarbeiterin
mit dem Burn-Out Syndrom, die sich ihr Leben lang für andere
eingesetzt und ihr eigenes Leben darüber vergessen hat: Sie
alle haben Angst, dass die Wunde entdeckt wird, die ganz tief in
ihnen sitzt: Der Glaube, nichts wert zu sein, der Glaube, irgendwie
schuldig zu sein, der Glaube, nicht geliebt zu werden, und die Scham
darüber.
Rund 19% der Bevölkerung haben Angst vor Scham und Schande,
davor rangieren in der Angstskala nur die Angst vor Verletzung und
die Trennungsangst (Dresdener Angstwörterbuch).
Wer in der Öffentlichkeit bloßgestellt wird, hat Schweißausbrüche,
zittert, wird leichenblass oder knallrot, möchte im Boden versinken,
weglaufen oder wütend um sich schlagen.
Schamgefühle wecken so heftige körperliche und emotionale
Reaktionen, weil sie unseren sensibelsten Seelenbereich berühren,
den ureigensten Kern unserer Persönlichkeit: das Vertrauen
in uns selbst. Beschämung und die darauf folgenden Gefühle
von Schuld und Schande können unsere Identität angreifen
und uns sozial isolieren. Deshalb sind Schamgefühle so schwer
erträglich und angstbesetzt.
Gerade in Deutschland, wo Perfektionismus einen hohen Wert hat,
ist der Ausdruck von Emotionen wie Liebe, Hass, Wut, Angst und Trauer
sowie das Anderssein oft mit einer Kultur der Beschämung und
Demütigung verbunden: Wer kennt nicht schon aus seiner Kindheit
Beschimpfungen wie "Heulsuse, Feigling, fetter Sack, Versager,
Asi, Kanake, Jude, Schlampe, Schwuchtel". Auch wer Leistungsanforderungen
nicht erfüllt, wird in Elternhaus, Schule und Beruf häufig
mit Spott und Hohn übergossen, anstatt dass ihm/ ihr Gelegenheit
gegeben wird, aus Fehlern zu lernen. Wo der Amerikaner "You
can do it" sagt, sagt der Deutsche "Was hast du jetzt
wieder falsch gemacht?"
So wird schon früh der Keim für Ängste gelegt, in
der Öffentlichkeit aufzutreten, seine Meinungen und Wünsche
zu vertreten und Neues auszuprobieren. Das Bedürfnis nach Geborgenheit,
Liebe und Anerkennung wird aus Angst vor Beschämung häufig
abgewehrt und verleugnet. Hilfsangebote werden abgelehnt ("Das
mache ich alleine"), oder man suhlt sich in der Rolle des hilflosen
Opfers ("Alle behandeln mich so schlecht!"). Schamabwehr
ist häufig der Grund, wenn Menschen andere öffentlich
anprangern, "Abschaum" zu sein, weil sie behindert sind,
eine falsche Hautfarbe oder Religion haben.
Auch sexuelle Diffamierungen sind sehr beliebt und kulturell tradiert.
So wird im Deutschen das weibliche Geschlechtsteil, die Vulva, als
"Scham" bezeichnet, die es zu verhüllen gilt. Da
liegt es nahe, dass sich auch heute noch Frauen wegen ihres Geschlechtes
schämen. Es ist schwer, eine positive sexuelle Identität
jenseits von männlichen Pin Up Phantasien und den in allen
monotheistischen Religionen vorherrschenden Keuschheitsidealen zu
finden. Erfolgt dann noch eine Zurückweisung oder Verhöhnung
in Bezug auf ihr Geschlecht, ziehen sich manche Frauen beschämt
zurück oder überschlagen sich in dem Bemühen, den
Ansprüchen von Anderen, sei es im Beruf oder in der Familie,
zu genügen und sich so Anerkennung und Liebe zu sichern.
Sie geben diese Botschaft leider an ihre Kinder weiter, die sie
ihrerseits durch Beschämung oder Überfürsorge zu
vorzeitigen Anpassungsleistungen zwingen. Aus Angst vor möglicher
Beschämung verengen sich die Möglichkeiten zu denken und
zu handeln immer mehr. Ständige Schamvermeidung führt
so zu Einbussen an Vitalität, kognitiven und kreativen Fähigkeiten:
Angst isst die Seele auf.
Männer hingegen dürfen sich nicht als sensibel und gefühlvoll
outen, wenn sie im Beruf für voll genommen werden wollen. Da
ist Zynismus, Austricksen, Mißachtung der Leistung anderer
und ständige Arbeitsbereitschaft angesagt. Erfolg und Wertschätzung
misst sich am Einfluss und an Statussymbolen ("Mein Porsche
entspricht wohl nicht Ihrer Gehaltsklasse"). Hat ein Mann durch
seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht, Ethnie oder
durch persönliche Beschränkungen keinen Erfolg und keinen
Besitz, kann er doch Schwächere verhöhnen, verprügeln
und sogar vernichten, um die eigenen Wertlosigkeitsgefühle
und die Angst vor Beschämung nicht spüren zu müssen.
Auch die Flucht in die Sucht und in die ständige Arbeitsüberforderung
("workaholic"), hat mit Angst und Scham zu tun. Diffuse
Gefühle, nicht zu genügen oder etwas Schändliches
getan zu haben, und der grosse Hunger nach Sicherheit, Bestätigung
und Liebe machen anfällig für Drogen aller Art.
Paradoxerweise bezichtigen sich traumatisierte Menschen, die durch
Vernachlässigung in der Kindheit, Missbrauch, Folter, Vertreibung
oder einen Unfall das Gefühl extremer Hilflosigkeit erlebt
haben, selbst einer Mitschuld und schämen sich: Vielleicht
hätten sie etwas verhindern können, wenn sie sich anders
verhalten hätten, vielleicht ist es ihnen zu Recht geschehen,
weil sie irgendeine Norm verletzt haben, vielleicht sind sie nicht
normal. Menschen, die sich schämen, Opfer geworden zu sein,
finden sich auch unter vergewaltigten und misshandelten Frauen,
bei alten und kranken Menschen. Oft sind die zu Grunde liegenden
Schamgefühle nicht bewusst und äußern sich in Ängsten,
Depressionen, Zwanghaftigkeit und psychosomatischen Krankheiten.
Doch auch viel Positives hat die Scham: Sie regelt unser Zusammenleben,
denn wären wir alle ohne Scham, wüssten wir nicht, was
gut ist und was böse, wären distanz-, respekt- und würdelos.
Die Scham darüber, was Menschen ihren Mitmenschen antun können,
hat schon manchen Bürger animiert, sich für Beschämte,
Verfolgte und Unterdrückte einzusetzen.
Menschen, die sich eine gewisse Schamhaftigkeit bewahrt haben, sind
meist sensibel, einfühlsam und zuverlässig. Sie zeigen
nicht jedem alles her, wählen aus, wem sie sich öffnen,
wollen entdeckt werden. Sie sind keine Kandidaten für die große
Show, aber für das stille Glück. |